Jedes Jahr, wenn ich die erste Chanukka-Kerze anzünde, schweifen meine Gedanken in die Ferne. Doch dieses Jahr spüre ich, wie wichtig der Blick auf das Nahe ist. Es war eine schwere Zeit, um nach innen zu schauen; der Krieg in Israel und Gaza hat unsere Aufmerksamkeit so sehr gefesselt und unsere Herzen so sehr eingenommen, dass wir kaum anders konnten, als gebannt in die Ferne zu starren.
Viele von uns kennen dieses lähmende Gefühl der Ohnmacht nur zu gut. Wir stehen an der Seitenlinie, während wir zusehen müssen, wie Leben zerstört werden und die Hoffnung auf Frieden immer weiter in die Ferne rückt. In den vergangenen zwei Jahren haben wir Solidarität gezeigt, Briefe geschrieben und gegen Antisemitismus unsere Stimme erhoben – und doch blieb oft dieser dumpfe Schmerz zurück, nicht genug tun zu können. Diese Hilflosigkeit angesichts des Leids im Nahen Osten war real und schmerzhaft.
Doch die Gefahr, die hinter diesem Ohnmachtsgefühl steckt, besteht darin, dass dieser große, dunkle Schatten des Krieges das Leid verdeckt, das sich direkt vor unserer eigenen Haustür entfaltet. Während unserer Blicke starr auf die Nachrichten aus der Ferne gerichtet waren, haben wir übersehen, wer hier neben uns im Stillen leidet. Die Ohnmacht, die wir im Großen spüren, darf nicht dazu führen, dass wir auch im Kleinen untätig bleiben. Denn hier, in unseren eigenen Städten und Nachbarschaften, sind wir nicht zur Tatenlosigkeit verdammt.
Die soziale Kälte nimmt zu. Mitten unter uns müssen sich Familien entscheiden, ob sie heizen oder essen. Die Schlangen an den Tafeln werden länger, Notunterkünfte sind überfüllt und unzählige Menschen blicken einem weiteren Winter der Einsamkeit entgegen. Auch Geflüchtete, die hier Schutz suchten, verfangen sich oft in einem
Netz aus Bürokratie und Angst, statt die erhoffte Sicherheit zu finden. Hier steht die Menschenwürde auf dem Spiel – nicht tausende Kilometer entfernt, sondern in unserer direkten Nachbarschaft. Es ist nicht so, dass uns das Schicksal dieser Menschen egal wäre. Aber unsere Herzen waren so sehr vom Schmerz unseres Volkes in Israel erfüllt, dass kaum noch Raum für diese Nöte in unserer Nähe blieb.
Chanukka ist kein Fest, das uns ein schlechtes Gewissen machen will. Es ist ein Fest, das uns Mut zuspricht. Die Makkabäer waren keine Übermenschen; sie waren Menschen, die sich einfach weigerten zu akzeptieren, dass die Dunkelheit das letzte Wort hat. Unsere Aufgabe in diesem Jahr ist es, genau diese Haltung neu zu lernen: Wenn die Welt zu groß erscheint, um sie zu heilen, dann zählt das kleine Licht umso mehr. Wenn wir den Frieden im Nahen Osten nicht erzwingen können, so können wir doch hier und jetzt die Würde eines Menschen verteidigen.
Das eigentliche Wunder von Chanukka war nicht, dass das Öl reichte, sondern dass unsere Vorfahren sich überhaupt dazu entschieden, es anzuzünden. Sie warteten nicht auf absolute Sicherheit oder den perfekten Weltfrieden. Sie handelten. Sie vertrauten darauf, dass ein einmal entzündetes Licht seine Kraft entfaltet.
Genau das können wir auch. Wir können die Ohnmacht ablegen. Wir können einem Nachbarn zuhören, eine warme Mahlzeit teilen, spenden oder uns engagieren. Wir können dafür sorgen, dass das warme Licht unserer Chanukkia nicht nur unsere Wohnzimmer erhellt, sondern auch als Zeichen der Menschlichkeit nach draußen strahlt.
Im Buch der Sprüche (20:27) heißt es: „Ein Licht des Ewigen ist die Seele des Menschen, die das Innerste des Seins erforscht.“ Das Licht, das wir entzünden, spiegelt den göttlichen Funken in jedem von uns wider. Und dieser Funke leuchtet am hellsten, wenn wir ihn nutzen, um anderen ihre Würde zurückzugeben. Vielleicht ist das die tiefste Lehre von Chanukka: Durch das Teilen unseres Lichts offenbaren wir die Heiligkeit, die bereits in uns brennt.
Nun, da sich das Jahr 2025 dem Ende zuneigt, wünsche ich uns, dass unsere Lichter an Strahlkraft gewinnen. Mögen wir die Kraft finden, den Blick vom Unlösbaren in der Ferne auf das Machbare in der Nähe zu lenken. Möge 2026 ein Jahr sein, in dem wir nicht an der Seitenlinie oder gar im Aus stehen, sondern durch kleine Taten der Güte Hoffnung schenken – und zwar dort, wo wir gebraucht werden. Chag Urim Sameach und uns allen ein gutes Neues Jahr.
Rabbiner Adrian Michael Schell ist Gemeinde Rabbiner der Jüidschen Gemeinde in
Wimbledon, im Süden Londons. Er ist Gründungsmitglied der LRV.
rabbi.schell@gmail.com