Jedes Jahr, wenn die Dunkelheit überhandzunehmen droht, freuen wir uns auf Chanukka. Wir stellen die Chanukkia an ein Fenster, bestücken ihren äußeren rechten Arm mit der Kerze für den ersten Chanukka-Tag, setzen den Schamasch auf seinen Platz und legen einen Vorrat von weiteren 42 Kerzen für die folgenden 7 Festtage an. Ohne Chanukkia macht Chanukka keinen Sinn: keine Latkes, keine Sufganiot, kein Sevivon und kein Schokoladengeld, kurz: kein Chanukka ohne Chanukkia. Sie trägt das Licht, das wir entzünden. Mit jeder zusätzlichen Kerze, die wir für jeden der acht Chanukkatage entzünden, verstärken wir die Helligkeit, die sich
gegen Kälte und Dunkelheit der Jahreszeit ihren Leuchtplatz erkämpft. Was zeigt uns die Chanukia? Was können wir im Licht der Kerzen erkennen?
Die Chanukkia leuchtet in eine weit zurückliegende Vergangenheit und eben dadurch stärkt sie uns für die Zukunft. Im Jahr 164 BCE, nach jüdischer Zeitrechnung im Jahr 3597, eroberten die aufständischen Makkabäer gegen die im Land herrschenden Seleukiden die Heilige Stadt Jerusalem, weihten den Tempel erneut ein und stifteten das Chanukkafest. In vielen Chanukkaliedern werden dieser militärische Sieg und die heldenhaften Makkabäer besungen, die ihn errungen haben. Es gibt aber auch nachdenkliche, wehmütige Töne, in denen das Bewusstsein dafür ausgedrückt wird, dass Blutopfer die Kehrseite des Heldenmuts sind. In dem schönen Lied „nerotai hase’irim“ (Meine kleinen Kerzen) erzählen die Chanukkalichter nicht nur von bejubelten Siegen, sondern auch von blutigem Scheitern.
Die Weisen des Talmuds widmeten dem Chanukka-Fest nur einige wenige Sätze, und diese galten noch nicht einmal dem militärischen Sieg der Makkabäer, der die Tempelweihe ja überhaupt erst möglich gemacht hatte. Bei ihnen liest sich die Chanukka-Geschichte wie folgt:
„Die Rabbanan lehrten: Am fünfundzwanzigsten Kislev beginnen die Tage des Ḥanukafestes; es sind ihrer acht, an denen man keine Trauerfeier abhalten noch fasten darf. Als nämlich die Griechen in den Tempel eindrangen, verunreinigten sie alle Öle, die im Tempel waren. Nachdem die Herrscher des Hauses der Ḥasmonäer sich ihrer bemächtigt und sie besiegt hatten, suchte man und fand nur ein einziges mit dem Siegel des Hochpriesters versehenes Krüglein mit Öl, das nur so viel enthielt, um einen Tag zu brennen. Aber es geschah ein Wunder, und man brannte davon acht Tage. Im folgenden Jahre bestimmte man, diese Tage mit Lob- und Dankliedern als Festtage zu feiern.“ (BT, Shabbat 21b).
Es ist offensichtlich, dass die talmudischen Weisen die Makkabäer nicht besonders mochten. Der Hauptgrund dürfte gewesen sein, dass diese einen der ihren als König einsetzten, obwohl sie keinerlei verwandtschaftliche Beziehung zur Familie Davids hatten und somit als Usurpatoren des davidischen Throns erschienen. Aber wahrscheinlich dachten die Weisen auch bei sich, dass Aufstand, Kampf und Gewalt bei der Stiftung eines Festes nicht das letzte Wort haben sollten. Die eigentliche Festtagsfreude sollte ihre Ursache in göttlichem Handeln haben, und dieses zeige sich eben in einem Wunder. Ähnliches lesen wir beim Propheten Sacharja (Kap.4:6):
„Nicht durch Macht und nicht durch Stärke, sondern durch meinen Geist; spricht der Ewige der Heerscharen.“
Wenn wir die Chanukka-Kerzen in aufsteigender Folge anzünden, so dass am Ende die Chanukkia ihre größte Leuchtkraft erhält, so folgen wir der Schule Hillels, dem der ethische Grundsatz zugeschrieben wird: Man vermehrt die Heiligkeit, man vermindert sie nicht. Damit wurde Shammai’s Auffassung abgelehnt, in absteigender
Folge die Kerzen anzuzünden, sodass das Licht entsprechend den verbleibenden Chanukka-Tagen abnimmt (BT-Schabbat 21b). Wir lesen aber bei Rabbinerin Dalia Marx (Ba-Sman S. 90) von einem neuen Brauch, der in einigen Familien und Gemeinden eingeführt wurde. Demnach werden zu Chanukka zwei Chanukkiot angezündet: eine nach der Weise von Hillel und eine nach der Weise von Shammai. Die Praxis nach Shammai, jeden Tag die Leuchtkraft der Chanukkia zu vermindern, führt uns die Gefahr vor Augen, dass das Licht auch gänzlich verschwinden könnte. Und sie ist eine Warnung vor übermäßiger Verehrung von Gewalt. Mit dem Anzünden der Chanukkia nach Hillel werden wir aufgefordert, jeden Tag mehr Licht in die Welt zu bringen.
Genießen wir also Chanukka mit Liedern, mit Geschenken, mit Latkes, mit Sufganiot und Spielen. Seien wir den kampfstarken Makkabäern für dieses schöne Fest dankbar. Freuen wir uns über die Chanukkalichter und hören wir die Geschichten, die sie uns erzählen.