Chag Purim Sameach!
Purim ist das Fest der Masken und der Verkleidungen. Wir verkleiden uns, wir scherzen, wir feiern. Aber heute möchte ich mit Ihnen darüber sprechen, dass nicht nur Menschen Masken tragen. Auch Geschichten tragen Masken. Lassen Sie uns zunächst in Erinnerung rufen, wovon die Megillat Esther erzählt — die Schriftrolle, die wir an Purim lesen. Die Handlung spielt im Persischen Reich. König Achaschverosch veranstaltet ein prächtiges Festmahl. Seine Frau, Königin Waschti, weigert sich, bei diesem Fest zu erscheinen, und der König entzieht ihr auf Rat seiner Berater ihren Status. Ein Schönheitswettbewerb wird ausgerufen, und die neue Königin wird eine junge Jüdin namens Esther — die Adoptivtochter (oder Verwandte) des Juden Mordechai. Mordechai weist sie an, ihre jüdische Herkunft zu verbergen. Unterdessen fühlt sich der königliche Minister Haman, der große Macht erlangt hat, dadurch beleidigt, dass Mordechai sich vor ihm am Palasttor nicht verneigt, und plant daraufhin die Vernichtung aller Juden des Reiches. Er wirft das Los — „Pur” — um das Datum für das Massaker zu bestimmen. Als Mordechai davon erfährt, bittet er Esther, sich vor dem König für ihr Volk einzusetzen. Esther riskiert ihr Leben, erscheint uneingeladen vor dem König, veranstaltet zwei Festmahle, bei denen sie Haman entlarvt. Der König befiehlt, Haman an jenem Holz aufzuhängen, das dieser für Mordechai hatte errichten lassen. Die Juden sind gerettet, und diese Tage werden zum Fest Purim erklärt. So weit die bekannte Geschichte. Aber nehmen wir ihr jetzt die Maske ab. Der Name „Megillat Esther” lässt sich auf zweierlei Weise übersetzen.
„Megillat Esther” — die „Schriftrolle Esthers”, nach der Heldin benannt. Doch das Wort „Esther” hängt mit der hebräischen Wurzel „satar” ( zusammen — „verbergen”). Und so wird „Megillat Esther” zur „Schriftrolle des Verborgenen”, einer Schriftrolle, in der nichts so ist, wie es scheint. Die Weisen des Talmud fragten: „Wo findet sich in der Tora ein Hinweis auf Esther?” Und sie antworteten — im Vers aus dem Buch Dewarim (31,18): „Ich aber werde mein Angesicht verbergen, verbergen an jenem Tag (Chullin 139b). Die doppelte Verbergung — „astir astir” — klingt wie der Name Esther. Gott sagt gleichsam: „Ich werde verborgen sein, aber ich werde handeln.” Das ist die erste verborgene Schicht der Megillat Esther: Der Name Gottes wird im gesamten Text kein einziges Mal erwähnt. Es ist das einzige Buch des Tanach, in dem Gott nicht genannt wird. Doch Seine Gegenwart ist in jedem „Zufall”, in jeder Wendung der Handlung spürbar. Das Verborgensein in der Megillat Esther beschränkt sich jedoch nicht darauf. Jede Figur dieser Geschichte trägt eine Maske. Und wenn wir genauer hinschauen, entdecken wir eine ganz andere Geschichte.
Auf den ersten Blick erscheint Achaschverosch als schwacher, launischer Herrscher. Er verstößt eine Frau, findet eine andere durch einen Schönheitswettbewerb, hört mal auf den einen, mal auf den anderen Berater. Der Midrasch im Traktat Megilla (12a) berichtet, dass die Weisen über ihn stritten: Die einen hielten ihn für klug, die anderen für töricht. Doch wenn man seine Handlungen genauer betrachtet, ergibt sich ein anderes Bild. Achaschverosch beseitigt systematisch jeden, der zu viel Einfluss gewinnt. Waschti wird zu eigenständig — sie wird entfernt. Haman erlangt zu viel Macht — er wird vernichtet. Mordechai erweist sich als nützlich — er wird erhoben, aber unter streng festgelegten Bedingungen. Achaschverosch lässt niemanden unentbehrlich werden. Vielleicht verbirgt sich hinter der Maske des Einfältigen ein berechnender Politiker, der genau weiß, wie man die Macht behält.
Begegnen uns solche Menschen nicht auch im Leben? Menschen, die ihre wahren Absichten hinter einer Maske der Schlichtheit verbergen? Mordechai ist der Held dieser Geschichte — nicht wahr? Er rettete den König vor einer Verschwörung, er weigerte sich, vor dem Bösewicht niederzuknien, er rettete sein Volk. Doch der Text der Megilla birgt einige Rätsel, die die Weisen zu lösen versuchten. Das erste Rätsel: Warum verneigte sich Mordechai nicht vor Haman? Der Text der Schriftrolle sagt knapp: „Mordechai aber kniete nicht nieder und warf sich nicht zu Boden” (Esther 3,2). Als die Diener des Königs ihn fragten — warum, antwortete er nur eines: „weil er ein Jude sei” (Esther 3,4). Doch die Halacha verbietet es nicht, sich vor einem Menschen zu verneigen! Jakob verneigte sich siebenmal vor Esau, die Brüder Josefs verneigten sich vor ihm in Ägypten, der Prophet Nathan verneigte sich vor König David. Die Weisen boten mehrere Erklärungen an. Esther Rabba (7,6) sagt, Haman habe ein Götzenbild auf seiner Kleidung getragen — und die Verneigung vor ihm wäre einer Verneigung vor einem Götzen gleichgekommen. Raschi schreibt, Haman habe „sich selbst zu einem Gott gemacht”. Aber es gibt auch einen anderen, erstaunlichen Midrasch. Esther Rabba (7,8) überliefert einen Dialog zwischen Haman und Mordechai. Haman fragt: „Hat sich nicht dein Vorfahre Jakob vor meinem Vorfahren Esau verneigt?” — denn die Weisen betrachten Haman als Nachkommen Agags, des Königs von Amalek, und Amalek ist ein Enkel Esaus.
Mordechais Antwort: „Mein Vorfahre Benjamin war noch nicht geboren, als Jakob sich vor Esau verneigte. Ich bin ein Nachkomme Benjamins. Ich habe mich nicht verneigt — und werde mich nicht verneigen.”
Sehen Sie? Vor uns liegt eine einzige Handlung — die Weigerung, sich zu verneigen. Aber dahinter kann ein religiöses Verbot stehen, oder eine historische Feindschaft zwischen Geschlechtern, oder die prinzipielle Haltung eines Menschen, dessen Vorfahre sich „von Anfang an nicht gebeugt hat”. Welche Maske wir dieser Tat aufsetzen, hängt davon ab, durch welches Prisma wir schauen.
Und noch ein Rätsel: Mordechai schickt Esther in den Palast und weist sie an, ihre Herkunft zu verbergen. Der Text sagt: „Esther hatte weder ihr Volk noch ihre Abstammung offenbart, denn Mordechai hatte ihr geboten, es nicht zu offenbaren” (Esther 2,10). Was steckt dahinter? Sorge um ihre Sicherheit — oder ein weitreichender politischer Plan? Mordechais berühmter Satz: „Wer weiß, ob du nicht gerade für eine Zeit wie diese zur Königswürde gelangt bist?” (Esther 4,14) — klingt wie die Worte eines Menschen, der schon lange an die Zukunft gedacht hat. Der Text gibt uns keine eindeutige Antwort. Auch das gehört zum Verborgenen.
Esther selbst ist wohl die vielschichtigste Figur. Sie führt ein Doppelleben: eine Jüdin, die sich hinter einem persischen Namen und einer persischen Maske im Palast verbirgt. Sie schweigt lange. Und erst im Augenblick tödlicher Gefahr wagt sie es, die Maske abzunehmen und dem König zu sagen: „Denn verkauft sind wir, ich und mein Volk, zur Vernichtung, zum Erschlagen und zum Untergang” (Esther 7,4). Für manche ist die Megillat Esther eine Geschichte über Mut — darüber, wie ein einzelner Mensch den Lauf der Geschichte verändern kann. Für andere eine Geschichte darüber, dass man manchmal seine Identität verbergen muss, um zu überleben — und dass das keine Feigheit ist, sondern Klugheit. Und für wieder andere ist es eine wichtige Lehre: Juden, die in die säkulare Welt gegangen sind und dort Erfolg hatten, können eines Tages die Einzigen sein, die in der Lage sind, ihr Volk zu retten. Nicht diejenigen, die in den Synagogen sitzen, sondern diejenigen, die Zugang zu politischem Einfluss haben.
Und da ist noch eine Gestalt, an die fast niemand denkt — Seresch, die Frau Hamans. Im Text der Megilla erscheint sie zweimal, und beide Male als Beraterin. Das erste Mal sagt sie zu Haman: „Man lasse ein Holz errichten, fünfzig Ellen hoch, und morgen sage dem König, dass man Mordechai daran aufhänge” (Esther 5,14). Der Midrasch (Esther Rabba 9,2) erzählt, sie habe alle Methoden durchgegangen, mit denen man in der Vergangenheit versucht hatte, Juden zu vernichten — und jedes Mal seien die Juden auf wundersame Weise gerettet worden. Der Feuerofen? Chananja, Mischael und Asarja kamen unversehrt heraus. Die Löwengrube? Daniel wurde gerettet. Das Schwert? David besiegte Goliath. Sie sagte: „Häng ihn an ein Holz — davon ist noch keiner von ihnen gerettet worden.”
Doch das zweite Mal sagt Seresch etwas völlig anderes. Als Haman nach dem demütigenden Umzug mit Mordechai durch die Straßen von Schuschan zurückkehrt, sagen ihm seine Frau und seine Berater: „Wenn Mordechai, vor dem du zu fallen begonnen hast, von jüdischer Abstammung ist — wirst du ihn nicht bezwingen, sondern gewiss vor ihm fallen” (Esther 6,13). Denken Sie über das Schicksal von Seresch nach. Haman hatte laut der Schriftrolle zehn Söhne — ihre Namen werden in der Megilla einzeln aufgezählt (Esther 9,7-9). Alle zehn wurden getötet. Noch gestern war Seresch die Frau des einflussreichsten Mannes im Reich, Mutter vieler Söhne, lebte im Wohlstand. Und am nächsten Morgen — der Mann an jenem Holz aufgehängt, das sie selbst zu errichten geraten hatte, die Kinder tot.
Wir freuen uns über den Sieg. Aber Seresch ist die verborgene Tragödie innerhalb der festlichen Geschichte. Sie erinnert uns daran, dass in jedem Sieg auch eine Niederlage steckt und in jedem Triumph ein unausgesprochener Schmerz. Sie ist jene Schicht, die wir nicht sehen, wenn wir beim Klang von Hamans Namen die Ratsche drehen. Und dieses Verständnis der Geschichte ist auch heute für uns von Bedeutung. Wir leben in einer Welt der Narrative. Jeden Tag werden uns Geschichten erzählt — in den Nachrichten, in der Politik, in unseren Familien. Und jede Geschichte ist eine Maske, die der Wirklichkeit aufgesetzt wird. Hinter jedem „Helden” verbirgt sich etwas, das wir nicht sehen. Hinter jedem „Bösewicht” steckt eine Geschichte, die uns nicht erzählt wurde. Hinter jeder einfachen Handlung liegen Schichten, die wir nicht wahrnehmen.
Im Talmud (Megilla 7b) findet sich ein berühmter Ausspruch im Namen Rawas: „Der Mensch ist verpflichtet, an Purim so viel zu trinken, bis er nicht mehr unterscheiden kann zwischen ‘Mordechai sei Gesegnet ‚und’ Haman sei Verflucht. Die Weisen haben jahrhundertelang darüber gestritten, wie das zu verstehen ist. Wörtlich? Rambam sagt — ja, wörtlich: Trinke, bis du einschläfst, und im Schlaf wirst du nicht unterscheiden. Andere Gelehrte sagen — keineswegs wörtlich: Die Gematria, also der Zahlenwert von „Verflucht sei Haman” und „Gesegnet sei Mordechai”, ist gleich (502), und es genügt, so viel zu trinken, dass man diese Gematria vergisst.
Aber vielleicht liegt der Sinn noch tiefer. Vielleicht bedeutet „den Verfluchten vom Gesegneten nicht mehr unterscheiden” dies: für einen Augenblick die gewohnten Kategorien loszulassen — „gut” und „böse”, „Held” und „Schurke”, „die Unseren” und „die Anderen”. Aus dem Narrativ herauszutreten, an den man zu glauben gewohnt ist. Und zu erkennen, dass die Wirklichkeit immer vielschichtiger ist als die Geschichte, die man uns erzählt hat.
Megillat Esther — die Schriftrolle des Verborgenen — lehrt uns genau das: tiefer zu schauen. Nicht nur Gesichtern die Masken abzunehmen, sondern auch Geschichten. Das Verborgene zu suchen. Denn wie dieses Buch uns sagt, handelt gerade dort — im Verborgenen, hinter den Kulissen, in jenen Schichten der Wirklichkeit, die wir auf den ersten Blick nicht wahrnehmen — Derjenige, dessen Name nicht genannt wird, dessen Hand aber jeden von uns führt. Möge dieses Purim uns nicht nur Freude und Fröhlichkeit schenken, sondern auch die Weisheit, hinter den Masken die Wahrheit zu erkennen.
Chag Purim Sameach!